
Klassisches Klavierlied radikal neu: Die menschliche Stimme – das älteste Instrument überhaupt – trifft auf aktuelle Technologien und Fragen unserer Zeit.
Normalpreis: 15 €
Ermäßigt: 5 € (für Empfänger:innen von Sozialleistungen, Menschen mit Behinderung und Studierende)
Paar-Ticket: 25 €
Frauke Aulbert: insektoides (2021) für ungehörte Gesangstechniken und Zuspielung
Juha T. Koskinen: Naritai (2025) für Gesang und Zuspielung
mit
Frauke Aulbert Stimmkünstlerin
Søs Gunver Ryberg: We move like Shadows (2025)
Mathias Monrad Møller: history is a nightmare (2025)
Luxa M. Schüttler: Verstreute Lieder (2021)
Simon Steen-Andersen: Mono (2014)
Ying Wang: Mask (2025)
mit
Sebastian Berweck Pianist, Electronician, Performer
Mathias Monrad Møller Gesang/ Komposition
Wie handeln wir angesichts der Gewalt und Zerstörung unserer Zeit? Können wir wirklich allen gerecht werden? Oder braucht es eine völlige Unparteilichkeit – und wäre das überhaupt menschlich?
NARITAI, ich möchte Zeuge sein führt uns in eine Klangwelt, in der eine uralte buddhistische Tradition auf heutige Fragen trifft. Im Zentrum steht ein Fragment des japanischen Shōmyō-Gesangs:die „Fünf Großen Gelübde“. Es beginnt mit dem radikalen Satz: „Es gibt unendlich viele fühlende Wesen, und ich gelobe, sie alle zu retten.“ Der finnische Komponist Juha T. Koskinen, der fasziniert von der Japanischen Kultur und den buddhistischen Gesängen seit 2004 regelmäßig auch in Japan arbeitet, folgt seinem Interesse für Kontrapunkt, andere Klangwelten und Sprache und stellt diesem Ideal Reaktionen gegenüber: eigene Worte, deutsche Texte von Heike Geißler und Gedanken der Philosophin Simone Weil auf Französisch.
Die Sopranistin Frauke Aulbert wird dabei zur verbindenden Kraft. Mit ihren außergewöhnlichen Stimmtechniken, ihrer Präzision und Präsenz verwebt sie Elektronik, Textfragmente und Gesang zu einem intensiven Ritual. Das Stück lädt uns ein, nicht nur zuzuhören, sondern selbst Zeuge zu sein – und die eigene Verantwortung neu zu bedenken.
insektoides ist eine eigene Arbeit Frauke Aulberts und entstand 2021 im Rahmen einer künstlerischen Recherche zur stimmlichen Imitation von Insektenklängen. Ausgangspunkt war die Mitwirkung der Stimmkünstlerin am Sounddesign des Spielfilms The Future von Miranda July, für den sie bereits Insektenlaute als „Ambientsounds“ eingesungen hatte.
In insektoides rücken diese Laute ins Zentrum der musikalischen Auseinandersetzung. Die live gesungene Stimme tritt in ein Duett mit ihren eigenen, zuvor aufgenommenen Klängen. Erst gegen Ende der Zuspielung werden diese elektronisch verfremdet – dort, wo die Grenze zwischen Insekt und Mensch - ohnehin fließend - in eine synthetische Künstlichkeit übergeht.
Getrieben von der Erforschung der Grenzen zwischen Fiktion und reiner Realität, um dem Publikum eine Synthese des „Wirklichen“ zu vermitteln, beschloss Mathis Saunier in seinem Stück Cannibal (2022) das Spiel damit auf die Spitze zu treiben.
„Alles begann, als ich an einer Bushaltestelle eine Werbung sah. Es war ein Lego-Star-Wars-Videospiel für Xbox – eine Werbung, die sich an Kinder richtete. Plötzlich wurde mir bewusst, wie viele Schichten von Fiktion man über die Realität legen kann, wenn es um Produktion geht. Die Werbung war das Ergebnis von Star Wars: einer Fiktion unserer Realität, die auf dem Lego-Film basierte – einem Remix des ursprünglichen Star Wars. Der Lego-Film wiederum wurde in ein Videospiel erneut remixt usw. Meine erste Reaktion war ein Seufzen darüber, wie weit man gehen kann, um Waren zu produzieren und Profit zu machen. Doch dann begann ich, über meinen eigenen Umgang mit Realitätin meiner Arbeit nachzudenken.“
Ein Großteil von Mathis Sauniers Arbeit ist von Fiktionen inspiriert, die Abbilder der Realität darstellen – wie in David Lynchs Filmografie oder Charlie Brookers Black Mirror. Er nutzt verfremdete Alltagsgeräusche und macht die Bühne durch Licht und Bewegung zum aktiven Teil der Aufführung. In Werken wie Sit.Com verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, indem das Publikum persönliche Daten preisgeben oder den Saal verlassen muss. So entstehen neue visuelle Fiktionen und gemalte Welten.
Das Programm alt/voice (Thickets of Love) denkt das klassische Klavierlied radikal neu: Die menschliche Stimme – das älteste Instrument überhaupt – trifft auf aktuelle Technologien und Fragen unserer Zeit. Der Sänger Mathias Monrad Møller und Sebastian Berweck – einer der führenden Interpreten experimenteller Neuer Musik und Experte für elektroakustische Performance, erweiterte Klaviertechniken und Medienarchäologie – haben fünf Komponist:innen eingeladen, dieses Zukunftslied zu gestalten: SØS Gunver Ryberg, Luxa M. Schüttler, Simon Steen-Andersen, Ying Wang und Møller selbst.
Alle Beiträge erforschen auf ihre Weise die Beziehung zwischen Stimme und Elektronik, fragen, wie Identität, Macht und Körper im 20. und 21. Jahrhundert erzählt, verzerrt und neu zusammengesetzt werden – mit Musik als Experimentierfeld zwischen Geschichte, Technologie und Imagination.
Mathias Monrad Miller: History is a Nightmare (2025)Ausgangspunkt dieses Stücks ist ein berühmter Satz aus James Joyces Ulysses: Geschichte als Albtraum, aus dem man zu erwachen versucht. Miller stellt reale Träume aus der Zeit des Nationalsozialismus, gesammelt von Charlotte Beradt, einem grotesken Popkultur-Albtraum gegenüber: dem Exploitation-Film Ilsa – She-Wolf of the SS (1975). Während Beradts Texte zeigen, wie politische Gewalt bis ins Innerste der Menschen vordringt, entlarvt der Film vor allem Ängste und Fantasien der 1970er Jahre – insbesondere männliche Projektionen auf weibliche Macht. Durch diese provokante Gegenüberstellung untersucht das Stück, wie Erotik, Begehren und Ideologie ineinandergreifen und wie Bilder von Faschismus missbraucht werden können. Es geht nicht um Gleichsetzung, sondern um kritisches Lesen von Bildern, Mythen und ihren möglichen Wiederkehrern.
SØS Gunver Ryberg: We Move Like (2025)Ryberg verwandelt die rohe Stimme in fließende, technoide Klanggebilde und fragt nach unserem Verhältnis zu einer vernetzten Zukunft. Ihre Musik entwirft eine neue, fragile Persona für das 21. Jahrhundert. Die Stimme steht zwischen Menschlichem und Posthumanem, löst sich in Klängen auf, taucht in Rhythmen wieder auf und verändert ständig ihre Gestalt. In einer glitchigen, hypervernetzten Welt verliert nichts dauerhaft seine Form: Wolken, Regen, Identitäten. Musik wird hier zur Landschaft, in der sich die Konturen der Figur zeigen und wieder verschwinden – ein poetisches Bild für ein Selbst im permanenten Wandel.
Luxa M. Schüttler: Verstreute Lieder (2021)Luxa M. Schüttler entwirft mit queeren Pop-Fragmenten ein musikalisches Dickicht, das feste Regeln bewusst unterläuft. Bekannte Kunstlieder werden bewusst in eine (post-)digitale Klangwelt verschoben. Die kompositorische Struktur bleibt erhalten, doch digitale Stimmsynthese verfremdet den Klang. Vertraute Emotionen treffen auf künstliche Stimmen und erzeugen Reibung. Die Lieder wirken gleichzeitig nah und fremd – wie Erinnerungen, die durch Technologie gefiltert werden. So entsteht eine „post-individuelle“ Aneignung musikalischer Tradition.
Simon Steen-Andersen: Mono (2014)Im Zentrum steht hier ein alltägliches Werkzeug der Popmusik: Auto-Tune. Steen-Andersen „hackt“ den Effekt, treibt ihn an seine Grenzen und macht seine Fehler hörbar. Aus technischen Ungenauigkeiten entsteht eine eigene, überraschende Schönheit – ein Spiel mit Kontrolle, Maschine und Zufall.
Ying Wang: Mask (2025/26)In der surrealen Unterwelt der Pariser Oper begegnet Dionysos, der Gott des Theaters, Eric, der nach Anerkennung für sein musikalisches Talent strebt. Beide tauschen sich über ihre traumatischen Erfahrungen mit „Machtmissbrauch, körperlicher Gewalt und verbaler Belästigung” in einer Welt, in der Frauen die dominierende Rolle übernommen haben. Die Masken, die beide Figuren tragen, werden zum Symbol einer Gesellschaft, in der Realität und Simulation verschwimmen. Mit Humor und dramatischer Musik verhandelt das Stück Fragen von Dominanz, Trauma und Identität in einer „hyperrealen“ Gegenwart. Hinter den Masken zeigt sich, wie brüchig klare Rollenbilder geworden sind.
Gemeinsam laden diese Werke dazu ein, genau hinzuhören: auf Geschichte und Gegenwart, auf Stimmen zwischen Mensch und Maschine – und auf die Geschichten, die wir uns über Macht und Selbst erzählen.

